Ida[?] Stiger[?]
15. IV. 1920
Abschied von Schloss Neukloster
Nach den bösen trüben Tagen
Nach ertragner Kriegeszeit
Ward uns, statt ersehnten Friedens
„Bolschewiken“ Herrlichkeit.
Da wir Niemals was verbrochen
Stets erfüllten unsre Pflicht
Mussten wir Verfolgung fürchten
Fürchten selbst das Blutgericht.
Winter naht mit seinen Schrecken
Und mit ihm die Kohlennot
Wie wird sich die Kleine nähren?
Fehlt es doch an Milch und Brot!
Da – am Schluss des vierten Monatʼs –
Kam als gerngesehner Gast
Otto her und sagte einfach
„Kommt zu uns und haltet Rast“
„Haltet Rast in unserem Heime
Dort giebts Alles was Ihr nöthig
Speis und Trank in reicher Fülle
Und wir machen uns erbötig“
„Euch zu bieten was vorhanden
Wollen Eure Kleine hegen
Wollen liebend Euch umfangen
Alte Freundschaft sorgend pflegen“
Dieser schönen guten Rede
Könnte Niemand wiederstehen
Und wir freuten uns des nahen
Stets gewünschten Wiedersehen.
Und so folgt „auf Sommerʼs Missvergnügen
Glorreichen Winters“ längst entbehrtes Glück
− Doch schon tönt die Abschiedsstunde
Und mit Wehmuth kehren wir zurück.
Missen werden wir die Kinder
Emmerl ladylike und fein
Pauliʼs hochgereifte Witze
Anonymus dick und klein
Missen werden wir vor Allem
Unsren Schwager und sein Schloss
Unsere heissgeliebte Schwester
− Abschiedskummer herb und groß.
Thränenfeucht wird unser Auge
Danken Euch entschwundenes Glück
Doch falls Ihr uns wieder wünschet
Bringt der Winter uns zurück.
14 Oktober 1919 – 17 April 1920.
Amica
